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Das Erinnern lebendig halten – Gedenkstättenfahrten für Demokratie, Diversität und Dialog

Wie nehmen Schüler*innen heute wahr, was vor 77 Jahren in Deutschland geschah? Hat es einen Bezug zu ihrer Lebenswelt? Und was ist mit Schüler*innen, die selbst Flucht- und Kriegserfahrung haben oder sich durch ihre internationale Familiengeschichte in der Sekundärintegration befinden? Können all diese jungen Lernenden das kulturelle Wissen über die Verantwortung der deutschen Bevölkerung aufgrund ihrer Historie überhaupt nachvollziehen? Am Alice-Salomon-Berufskolleg haben wir uns auf den Weg gemacht, mit Gedenkstättenfahrten eine Kultur des Erinnerns gegen das Vergessen zu etablieren. Das Erinnern soll hierbei Anstoß sein, die Werte unserer Schule lebendig zu halten: Sich gegen Diskriminierung und Rassismus auszusprechen und sich für Diversität, Demokratie und kulturellen Dialog einzusetzen.

Von der Idee zur Planung

Ausgehend von einem Impuls der Schulleitung wurde die Idee der Gedenkstättenfahrten über die Lehrerkonferenz in die Bildungsgangkonferenzen getragen. Viele Kolleginnen und Kollegen ließen sich spontan von der Idee begeistern. Angesichts des aktuellen Weltgeschehens und wiederauftauchenden, rückwärtsgewandten Denkmustern war es vielen ein Anliegen, das Leitbild der Schule für die Schüler*innen erlebbar zu machen. Die Bildungsgänge aus dem Bereich Gesundheit begannen, das von ihnen unterrichtete Fach um die Thematik des Holocaust zu ergänzen. In Abhängigkeit von den Niveaustufen der Klassen wurden Forschungsprojekte entwickelt, Grafiken und Tabellen ausgewertet, Fachtexte erläutert und Werte, wie Toleranz und Verantwortung vor dem Hintergrund der beruflichen Historie (Pflege im Nationalsozialismus) und der Praktikumseinsätze, in Einrichtungen des Gesundheitswesens, analysiert. Parallel zur Arbeit an der curricularen und didaktisch-methodischen Ausgestaltung, begann ein weiteres Team mit der konkreten Planung der ersten Fahrt. Ziel war es, den Lernenden Gelegenheit zu geben, unterrichtliche Inhalte mit der realen Welt in Beziehung zu bringen, die eigene Rolle in der Gesellschaft zu reflektieren und Schlüsse daraus zu ziehen, die das eigene Verhalten nachhaltig prägen können.

Vorbereitung

Zentral für die Planung und Durchführung der Fahrten ist die Unterstützung durch das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk in Dortmund (IBB). Das IBB beantragt die Fördermittel durch den Kinder- und Jugendplan des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Ohne diese Fördermittel wäre eine Durchführung der Fahrten für unser Schüler*innen schlicht nicht zu realisieren.
Bei dem durch das IBB organisierte Vorbereitungstreffen werden Ängste und Vorstellungen aufgegriffen, wichtige geschichtliche und geografische Punkte angesprochen und ein Grundwortschatz an polnischen Wörtern vermittelt. Bei diesem Treffen lernen sich alle Teilnehmenden auch zum ersten Mal kennen. Gedenkstättenfahrten können nicht als Klassenfahrten verordnet werden. Nur wer wirkliches Interesse hat und sich psychisch und emotional stark genug fühlt, sich mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte auseinander zu setzen, kann diese Reise antreten. Lernende zu sensibilisieren, aber nicht zu überfordern, oder sie gar zu (re-)traumatisieren ist eine große Herausforderung bei diesen Fahrten.

Durchführung

Die erste Station der Fahrt ist die Stadt Oświęcim. Begonnen wird mit einer Stadtführung, bei der den Teilnehmenden das jüdische Leben vor dem Holocaust nahegebracht wird. In den Folgetagen besichtigen die Schüler*innen dann Auschwitz und Birkenau. Erst vor Ort wird begreifbar, wie groß und beklemmend der Komplex ist. Besonders schockierend sind für die Gruppen die Räume in Auschwitz mit den Bergen an menschlichen Haaren, Koffern und Schuhen, die in ihrer schieren Masse extrem bedrückend wirken und doch nur ein sehr kleiner Teil vom Ganzen sind. Dieser Ort hat eine besondere Wirkung auf die Lernenden, sie werden plötzlich stiller und ihre Betroffenheit tritt deutlich zu Tage.
Nach den Eindrücken aus den Konzentrationslagern und der Biographiearbeit im Bildungszentrum erweisen sich abendliche Reflexionsrunden als wichtige Möglichkeit, um Fragen zu stellen und die eigenen Gedanken und Gefühle auszusprechen. Auf ausdrücklichen Wunsch der Schulleitung werden die Gedenkstättenfahrten auch durch Mitglieder des Multiprofessionellen Teams (MPT) begleitet. Diese gewährleisten eine intensive sozialpädagogische Betreuung vor Ort. Zusätzliche Begleiter*innen werden auch vom IBB gestellt.
Bevor die Gruppe den Ort Oświęcim wieder verlässt, wird gemeinsam überlegt, wie man sich von der Gedenkstätte verabschieden will. Ein Satz auf den Gedenksteinen, in vielen Sprachen wiederholt, prägt sich den Lernenden ein:
„Dieser Ort sei allezeit ein Aufschrei der Verzweiflung und eine Mahnung an die Menschheit.“
Die letzte Station der Fahrt ist ein Besuch der Stadt Krakau. Die zweitgrößte Stadt in Polen sorgt mit ihrem lebendigen Treiben am Hauptmarkt für einen Kontrastprogramm, das ganz bewusst die Tonlage für die Rückfahrt prägen soll. Die Vergangenheit soll uns nicht wie ein dunkler Schatten verfolgen, sondern Impulsgeberin sein, das Leben zu feiern und Verantwortung zu übernehmen, dass sich Vergangenes nicht wiederholt.

Nachbereitung und Nachwirkung

Nach der Rückkehr aus Polen kommen die Lernenden in der Schule noch einmal zusammen. In Kleingruppen verarbeiten die Schüler*innen ihre Eindrücke in Texten, Bildern, Videos bzw. Filmen. Jede Gruppe gestaltet eine Seite in einem Gedenkstättenbuch, welches an die nächste Gruppe weitergereicht wird. Eine der wichtigsten Erfahrungen, - so beschreiben es einzelne Lernende -, sei es, dass sie durch den Besuch der Gedenkstätte in Auschwitz mutiger geworden seien, Verantwortung für ihre Mitmenschen zu übernehmen.

Die folgenden filmischen Beiträge wurden nach der Fahrt von Schülerinnen und Schülern in Kooperation mit dem Lehrer Thomas Zehnter erstellt. Sie beinhalten Fotos, Videosequenzen und Interviews mit den teilnehmenden Schüler*innen und begleitenden Lehrer*innen.

Ausblick

Unsere gesammelten Erfahrungen haben uns darin bestärkt, das Konzept der Gedenkstättenfahrten auszuweiten. Wissend, dass unsere Schülerschaft am Berufskolleg sehr heterogen ist, sind wir dabei, das Programm unter der Federführung unseres MPTs für die Lernenden mit Förderbedarf differenziert zu gestalten. Hierbei soll die Anzahl an Führungen/Vorträgen zum Teil durch praktische Tätigkeit ersetzt werden, um einer kognitiven Überforderung entgegenzuwirken.
Darüber hinaus wollen wir jedem Lernenden die Möglichkeit bieten, Gedenkorte zu besuchen und sich damit auseinanderzusetzen. So plant die Fachkonferenz Politik aktuell Unterrichtsgänge innerhalb Bochums und Umgebung in Kooperation mit dem IBB.
Auch haben inzwischen weitere Bochumer Berufskollegs Interesse signalisiert, das Konzept der Gedenkstättenfahrten zu übernehmen. Hier sind wir im fruchtbaren Austausch, um das Konzept auch über unsere Schulmauern hinaus im Bochumer Berufskolleg-Verbund zu verstetigen.


Autoren/Autorinnen:
Johannes Kohtz-Cavlak: Schulleiter am Alice-Salomon-Berufskolleg (ASBK)
Michaela Gehring, Carolin Ritter, Claudia Hagedorn

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